Reise-Blog Mala Fatra

Meine Erlebnisse in der Kleinen Fatra, einem Gebirge im Verlauf des Karpatenbogens in der Slowakei

 

Wie alles begann

Berge der Mala Fatra
Berge der Mala Fatra

Die Sache begann, wie Sachen meist beginnen, nämlich unerwartet und nicht längerfristig geplant. Vermeintlich zufällig hatte sich meine Reise in die Mala Fatra ergeben, genauer gesagt aus einer Kette von Zufällen, die beim genaueren Hinsehen keine sind, sondern das Resultat von lange gereiften Ideen und dem Zulassen von Dingen, die einem begegnen; Begegnungen der Art, wie man sie ständig macht, alltäglich und auf den ersten Blick unspektakulär. Schließlich sollten es nur drei Tage vor Ort werden, doch die boten mehr Impressionen, Geschichten und kulinarische Explosionen, als auf manch dreiwöchiger Reise. Doch der Reihe nach.

Waldkarpaten
Waldkarpaten (Quelle: bdpn.gov.pl)

Zweimal war ich bereits in den Karpaten gewesen und beide Reisen hatten tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Das erste mal besuchte ich Anfang der 10er-Jahre einen Bekannten, den es auf der Flucht vor Gläubigern und dem Finanzamt nach Bieszczady, die Polnischen Waldkarpaten, verschlagen hatte. Zu der Zeit, als Polen noch kommunistisch war, siedelten sich viele Regimekritiker und Künstler in dem Dreiländereck Polen-Slowakei-Ukraine an, wurden sie doch hier, wo sich nicht einmal mehr Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, von der Staatsmacht in Ruhe gelassen.

Ohrförmiger Weißseitling
Ohrförmiger Weißseitling

Auch während meines Besuchs schien sich zumindest wirtschaftlich noch nicht viel geändert zu haben. Umso beeindruckender war die Wildnis in dem dünn besiedelten Gebiet. Auf unseren Wanderungen im Bieszczady-Nationalpark hatten es mir vor allem die Fichten angetan, die in einer Größe und einem Alter standen, wie ich davor und danach keine mehr gesehen habe. Die Artenvielfalt der Pilze war überwältigend, doch ich war noch ganz am Anfang meiner mykologischen Erkundungen und mir waren auch nur wenige Tage hier vergönnt, so dass mir vor allem die Ohrförmigen Weißseitlinge, die ich später nie wieder fand, in Erinnerung blieben.

Einige Jahre später verbrachte ich eine Woche im Buchenurwald der Karpaten in Rumänien. Die Funga war dort noch beeindruckender, doch das ist eine andere Geschichte, von der ich vielleicht ein anderes mal berichten werde. Geblieben ist meine Sehnsucht nach den Karpaten und der Wunsch, eine pilzkundliche Reise dorthin anzubieten. Dies bedurfte natürlich eines orts- und pilzkundigen Reiseleiters und die wachsen, anders als Pilze, nicht an den Bäumen. So sollte es noch lange dauern, bis mich das Schicksal wieder dorthin führte.

Wie es der Zufall, wenn man ihn glaubt, will, berichtete mir im Frühling 2025 eine Teilnehmerin meiner Exkursionen von einer Reise in die Mala Fatra, bei welcher der Leiter Vlado nicht nur deren Berge wie seine Westentasche, sondern auch Pilze, Pflanzen sowie Vögel kannte und mit Bär, Wolf und Luchs auf Du und Du war. Zudem kredenzte er Gemüse, Fleisch und Wurst aus eigener Produktion sowie unzählige Käsesorten aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch. Zusammen mit verdammt guten Weine machte das die Reise auch noch zu einem kulinarischen Highlight ohnegleichen. Das klang zu schön, um wahr zu sein, doch die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zuletzt.

Anreise

Kurzerhand hatte ich mich mit Vlado in Verbindung gesetzt und er mich zu einer privaten Besichtigungstour im August 2025 eingeladen. Etwas skeptisch, ob denn all das, was ich über ihn gehört und auf seiner Internetseite gelesen hatte, stimmen könne, versuchte ich meine Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückschrauben. Und so kam ich nach gut siebenstündiger Fahrt in Stefanová, einem kleinen Ort im Karpatenbogen, nahe der slowakischen Stadt Žilina, an. Erwähnenswert ist mein Tankstop gut 30 km hinter der deutsch-polnischen Grenze. Hier drehten sich Schaschliks auf dem Grill, einen Duft verströmend, wie man ihn von deutschen Autobahnraststätten nicht gewöhnt ist. Sofort bereute ich, gut gefrühstückt zu haben, doch meine nun wieder gestiegene Zuversicht in die slawischen Kochkünste ließ mich mit Wasser im Mund trotz vollen Magens die Fahrt fortsetzen.

Am Fenster
Am Fenster

Maria, die Herbergsmutter der Pension, in der mich Vlado untergebracht hatte, begrüßte mich mit einem breiten Lachen und wollte mein Gepäck die Treppen hochtragen. Als Kavalier der alten Schule konnte ich das gerade noch abwenden und schon wuselte sie wieder zwischen den Tischen der Terrasse, den Gästen ihre Wünsche von den Lippen ablesend, Essen und Trinken ausschänkend. Von meinem Zimmer genoss ich den Ausblick auf die umliegenden Gipfel, endlich wieder in den Bergen.......

Vlado
Vlado

1. Tag: Vlado, die Naturgewalt

Beim Frühstück mit lokalen Spezialitäten begrüßte mich Vlado, ein breitschultriger Kerl aus echtem Schrot und Korn, mit wachen, freundlichen Augen und noch breiterem Grinsen im bärtigen Gesicht. Auf den ersten Blick war klar, der hat nicht nur die Berge und Bären im Griff, sondern auch die Leitung seiner Reisen. Ich sollte mich nicht getäuscht haben.

Nach kurzer Besprechung über den Tagesplan und den gesamten Aufenthalt ging es direkt zu Fuß los. Ein steiler Anstieg durch dichten Buchenwald von gefühlt 1.000 Höhenmetern, gemessen vielleicht nur 100, trieb mir als gelerntem Flachlandtiroler bei den sommerlichen Temperaturen den Schweiß ins Gesicht und brachte die Waden zum Glühen. Vlado grinste noch breiter.

Glücklicherweise ging der Weg dann zunächst weiter durch eine Wiese auf einer Hochebene.

Almhütte
Almhütte

Baldrian, Dost, Pastinake und zahlreiche weitere kalkliebende Pflanzen blühten hier um die Wette. Vlado kannte sie alle, ich als Bewohner der Märkischen Sandbüchse nur einen Teil davon. Bienen und Hummeln summten allüberall, Schmetterlinge flatterten lautlos doch um so farbenprächtiger dazwischen herum. Über allem schwebten Wespenbussarde und weitere Greife, die ich noch nie gesehen hatte, Vlado erkannte sie durchs Fernglas sofort, wie auch Neuntöter, Braunkelchen, Schwarzkelchen, Tannenhäher und allerlei weiteres Federvieh, nicht zuletzt die Herrscher der Lüfte: Steinadler. Diese werden hier mit 2,5 m Spannweite um einiges größer als anderswo. In einer Almhütte wurde uns ein eisgekühlter Fruchtcocktail mit Heidelbeeren, Melone und Holunder-Sirup gereicht, genau das Richtige, um wieder zu Kräften zu kommen.

Meister Petz
Meister Petz

Schon ging es weiter, erneut steil den Berg hinauf, diesmal durch alte Fichten. Die dort sprießenden essbaren Pilze kannte Vlado ebenfalls alle, doch hier konnte ich glänzen und ihm alle möglichen und unmöglichen LBMs (little brown mushrooms), Heftnabelinge, Rüblinge und sonstigen Kleinkram bestimmen, der nicht auf seinem Speiseplan steht. Der Steinpilze reichlich fürs Abendessen waren schnell gefunden, als Vlado "Bitte recht freundlich!" rief. Bevor ich verstand, worum es ging, hatte er die Speicherkarte aus seiner gut versteckten Photofalle gefischt. Darauf war dann nicht nur ich, sondern auch Meister Petz zu sehen. Es sollte nicht der letzte bleiben. Dann stiegen wir ab und machten Pause in einem Restaurant in einem kleinen Dorf. Vlado empfahl mir einen mit Strapačky und Bryndza, gefüllten Kartoffelpuffer. Verdammt lecker, gibt es jetzt jede Woche bei mir. Er selbst nahm noch ein Glas Žinčica, warnte mich allerdings davor, denn wer es nicht gewöhnt ist, verbringt die nächsten Tage damit, sein Mikrobiom neu zu justieren.

Klamm
Klamm

Nach dem Essen sollte es auf leichtem Wege zur Pension gehen, was mir sehr recht war, da meine Beinmuskeln die ungewohnte Tätigkeit schon recht deutlich spürten. Der "leichte Weg" stellte sich als erneuter Anstieg in die Berge heraus und so war die kalorienreiche Vesper, die ich zur Mittagszeit nicht gewohnt bin, dringend nötig. Die Schmerzen in den Beinen wurden allerdings schnell durch Endorphine verdrängt. Wir stiegen eine stellenweise sehr enge Klamm hinauf, auf derem Grund sich Forellen in dem munter plätschernden Bach tummelten. An den Felswänden im unteren Bereich, der ja immer zur Schneeschmelze überschwemmt wird, erkämpften sich hoch spezialisierte Pflanzen wie Gelber Eisenhut und Karpaten-Heilglöckchen ihren Platz.

What goes up must come down, wie jeder Boomer weiß, und so erreichten wir am späten Nachmittag unsere Pension.

Forellenspieße
Forellenspieße

Ich durfte die Steinpilze und Flockigen Hexenröhrlige verarzten, während Vlado zwei Forellen auf Haselnussruten aufspießte. Diese hat er dann mit den gebratenen Pilzen und Kräutern gefüllt, bevor er sie fachmännisch mit Binsen vernähte. Chirurgische Kenntnisse hat er also auch noch und so frug ich ihn, ob er so seine Wunden versorgt, wenn Wolf, Bär oder Luchs an ihm knabberten. Das sei wohl eher nicht nötig, meinte er, doch dazu erführe ich morgen mehr. Jetzt mussten erst mal die Fische gegrillt und verspeist werden, wogegen ich nichts Wirksames einzuwenden hatte. Dazu gab es - natürlich - die restliche Pilze, was braucht man mehr? Eine Portion Halušky! Und Wein! Auch den slowakischen Rebsäften brachte ich eine gewisse Skepsis entgegen, doch auch diese stellte sich als Vorurteil heraus. Die Forelle wurde von Rotem Traminer begleitet, schon mal gehört? Nein? Ich auch nicht! Die Beeren sind eine dunklere Variante des Gewürztraminers, doch so, wie sie hier ausgebaut waren, hatte das nichts mit dem zu tun, was man in unseren Landen unter dem Wein dieser Trauben versteht. Fast weiß gekeltert, mit einer perfekten Balance aus Säure und Restsüße sowie sehr fruchtig und mit Aromen von Litschi und Gewürznelken, wenn mich meine hobbyönologischen Kenntnisse nicht täuschen. Passte jedenfalls perfekt zu der gefüllten Forelle, die ja auch nicht gerade arm an Fett und Umami war.

Weinkeller in Tokaj
Weinkeller in Tokaj

Als Nachspeise gab es Palačinka, was sonst in dem ehemals zur k. u. k. Monarchie gehörenden Land? Dazu einen hervorragenden slowakischen Tokajer, der nichts mit der sozialistischen Massenware Ungarns gemein hat. Essentieller Teil der Produktion ist Botrytis cinerea, ein Schimmelpilz, der die Trauben, begünstigt vom Herbstnebel, schon am Rebstock befällt, doch nicht etwa unbrauchbar macht, sondern für das besondere Aroma des Weines sorgt. Die riesigen, in den Tuffstein getriebenen Kavernen, in denen er reift, wurden angelegt, um sich vor den Tartaren zu verstecken. Bald erkannte man, dass das besondere Klima darin bestens geeignt ist, um Wein darin zu lagern. Äußerst besorgt war man dann, als der Schimmel auch die Fässer, Böden, Wände und Decken überwucherte. Umso überraschter war man, als man den Wein zunächst vernichten wollte, dann aber doch kostete......

Bärenfamilie
Bärenfamilie

2. Tag: Im Schlafzimmer der Bären

Heute ging es nach dem Frühstück in ein Tal mit der nach Vlados Auskunft höchsten Bärendichte in der ganzen Slowakei. Auf meine nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob mir ein Messer im Falle eines Falles hülfe, meinte er, klar, je größer desto besser, denn wenn man ein großes Messer wegwirft, kann man umso schneller rennen. Natürlich hatte ich seine Erklärung zu den Bärenunfällen in der Slowakei im Frühjahr 2025 gelesen. Bären ernähren sich zu 95% vegetarisch und scheuen den Kontakt mit Menschen wo sie es nur können. Die wenigen Angriffe gegen Menschen wurden von diesen provoziert. Dennoch blieb ein mulmiges Gefühl, auch nachdem er mir erklärt hatte, wie man sich verhalten solle, wenn man einen Bären in einer Entfernung von weniger als 50 m sieht; weiter weg ist eh unkritisch und lädt zur Beobachtung ein, wie hier in Vlados Video zu sehen. Wird man bei diesem Abstand auch vom Bären gesehen, so macht der sich in der Regel vom Acker, solange man ihn nicht provoziert.

Dann führte er mich auf die "Bärenautobahn", ein von Tieren angelegter Trampelpfad neben einem Bach, umkranzt und überdacht von Hasel- und Kirschpflaumensträuchern. "Durch diese hohle Gasse wird er kommen", schoss es mir durch den Kopf, doch nichts geschah und Vlado war die Ruhe selbst. Auf der hier aufgehangenen Photofalle zeigte sich, dass er nicht zu viel versprochen hatte. Unzählige kurze Filme zeigten, dass hier jede Nacht mehrere Bären durchzogen.

Haselmaus im Nest
Haselmaus im Nest

Über eine üppig blühende Wiese, auf der überall von Bären aufgebrochene Mäusenester im Boden zu sehen waren (das müssen wohl die 5% nicht vegetarische Kost sein), ging es zum Schlafzimmer der Bären, ein höhlenartiger Saal im Dornengestrüpp. Das war schon ein überwältigendes Gefühl, zu stehen, wo sonst Bären ihre Tage schlafend verbringen, denn sie sind ja nachtaktiv. Auch hier wieder zahlreiche Filme mit Meister Petz als Hauptdarsteller und der größte Knaller seit Ben Hur eine Bärin, die ihre Jungen im strömenden Regen stillt. Aus der Abteilung so liab fanden wir eine schlafende Haselmaus, die ihr Nest auf der Photofalle gebaut hatte. Vlado musste es herunternehmen, um an die Speicherkarte zu kommen, doch der kleine Nager ließ sich in seiner Mittagsruhe nicht stören. Anschließend setzte er das Nest zurück, die Maus hat von all dem wohl garnichts mitbekommen, wahrscheinlich, weil wir nicht nach Bär rochen.

Picknick
Picknick

Weiter ging es durch einen Hain von Haseln, Birken und Espen, in dem wir mal so nebenbei Birkenröhrlinge, Rotkappen und Steinpilze fürs Abendessen ernteten. Begeistert haben mich jedoch vor allem die in meiner Heimat eher seltenen Cortinarien und Orangenen Scheidenstreiflinge. Dann stapften wir auf einen üppig blühenden Hügel, von dem aus wir einen wunderbaren Blick über die von Hecken und Hainen durchzogenen Wiesen hatten. Diese Gehölze sind ungemein wichtig für ein Habitat, brechen sie doch den Wind, halten Feuchte zurück und bieten Lebensraum nicht nur für Bären, sondern auch für Vögel, Insekten, Spinnen, bieten auch Rotwild, Füchsen, Wölfen sowie vielen kleinen Säugetieren Schutz. Jetzt kam der - so meldete es jedenfalls mein Magen - bis dahin schönste Teil des Tages: Picknick! Vlado zauberte geräucherte Würste, Speck, frisches Gemüse und sauer eingelegte Zucchini, alles aus eigener Produktion, sowie nicht minder leckere lokale Käsesorten aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch aus dem Rucksuck; ohne Übertreibung die beste Vesper meines Lebens! Die ständig über die Wiesen ziehenden Rothirsche waren nach den Erlebnissen schon fast nur noch müdes Beiwerk.

Abends gab es Rindfleisch mit Pilzen, dazu stand die Rotweinverkostung an. Wer bisher nur Bourgogne oder Bordeaux, Rioja oder Barolo ganz zu schweigen von Dornfelder oder Lemberger kennt, hat den Wein von den Flüssen Dunaj (Donau), Hron und Torysa verpasst. Die hier an- und ausgebauten Roten sind noch ein Geheimtip und so kann man nicht nur ein Schnäppchen machen, sondern richtige Spitzenpodukte finden. Mit Beschreibungen der Aromen möchte ich mich als Liebhber aber nicht ausgezeichneten Kenner von Weinen zurückhalten, ich war jedenfalls von der Tiefe und Breite begeistert.

Falscher Satansröhrling
Falscher Satansröhrling

3. Tag: Pilze!

Am letzten Tag vor Ort wanderten wir zunächst entlang einem Bach, dessen Ufer mit Pestwurz und Huflattich bestanden waren, die hilfreiche Dienste leisten, wenn man doch Žinčica getrunken und kein Papier dabei hat. Dazwischen immer wieder Baldrian, dessen betörender Duft wie ein schwerer Schleier auf dem sonnigen Morgen lag. Bald ging es einen steilen Hang hinauf mit dem Ziel, Steinpilze zu sammeln - als hätte es die letzten Tage keine gegeben. Uns entgegen kamen einige Frühaufsteher, die wohl die gleiche Idee hatten und schon volle Körbe schleppten, unter deren Last sie fast zusammenbrachen. In Deutschland und den meisten anderen Westeuropäischen Ländern wär das nicht nur ein Frevel, sondern ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz, der sehr teuer enden kann. In der Slowakei haben wir jedoch eine völlig andere Situation. Die Bevölkerungsdichte ist viel geringer, insbesondere in den Bergen. Anders als in Rumänien gibt es hier auch keine organisierten Banden, die die Hänge zertreten und schon im Frühsommer den gesamten Wald umgraben, um noch unreife Trüffeln zu sammeln, die dann, ebenso wie später die Steinpilze, auf den westeuropäischen Märkten landen. Hier sind Pilze schon immer ein völlig selbstverständlicher Teil des täglichen Essens, gefroren oder getrocknet das ganze Jahr verfügbar. Alles was wir an Steinpilzen fanden, waren allerdings abgeschnittene Stiele, da war die Konkurrenz wohl schneller und vor allem sehr gründlich. Ich war schon recht frustriert, als ich zumindest einen Hexenröhrling von üppigem Wuchs fand - so dachte ich jedenfalls. Der stellte sich jedoch als Weinroter Purpurröhrling heraus, dessen Speisewert umstritten ist. Das war mir allerdings herzlich egal, denn man muss nicht alles essen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, insbesondere dann nicht, wenn es so schön ist.

Schönfuss-Röhrling
Schönfuss-Röhrling

Das Besondere an der Mala Fatra sind die unterschiedlichen Gesteinsarten auf kleinem Raum. Kalk, Granit, Sandstein und Flysch wechseln sich ab und bieten zusammen mit den unterschiedlichen hier wachsenden Baumarten eine große Bandbreite an Habitaten für die verschiedensten Pilze und bodendeckenden Pflanzen. So dauerte es nicht lang, bis Schönfußröhrling, Königsröhrling und Silberröhrling folgten. Vergessen waren die Steinpilze, die findet man auch in Berlin, Brandenburg und anderswo in Deutschland, das hier ließ mein Herz aufgehen.

Quasi veganes Picknick
Quasi veganes Picknick

Bald erreichten wir wieder eine Wiese auf einer Hochebene, Zeit für Picknick. Wie schon am Vortag kamen die herrlichsten Würste aus Vlados Rucksack zum Vorschein, doch diesmal nicht in Scheiben, sondern im Stück. Die wurden komplett zusammen mit Zucchini, Äpfeln und mit Käse gefüllten Paprika auf Haselruten gesteckt. Mit wenigen Griffen hatte er mit unterwegs gesammeltem Harz und vertrocknete Zweige einer Fichte ein Lagerfeuer entzündet - wozu Holzkohle, Grillanzünder, Rost und den ganzen Schmu mitschleppen? Schon drehten sich die Spieße auf dem Feuer, in wenigen Minuten waren sie gar.

Fichten-Steinpilze
Fichten-Steinpilze

Nachdem alles ratzekahlepuseleer in Energie für den Abstieg umgewandelt war, steuerte Vlado einige Birken an, die am Rand der Fichten standen und kam prompt mit knackigen Heide-Rotkappen aus dem Unterholz hervor. Auch nicht schlecht, das Abendessen war mal wieder gerettet und Raufüße müssen sich dabei nicht hinter Steinpilzen verstecken. Nun ging es einen steilen Abhang hinunter, der mit Buchen und Fichten auf Flysch bestanden war. Und hier nun endlich standen die Steinpilze in der Menge, von der Vlado geschwärmt hatte. Im Nu waren wir den Berg hinab, die Taschen voller Boleten und dazu reichlich Perlpilze, einige Champignons, Frauen-Täublinge und Reizker.

Beute
Beute

In der Pension machten wir uns daran, die Beute zu schneiden, das war mehr als eine Fußballmannschaft verdrücken kann. Der Großteil wurde dann auch eingefroren, für unser Abendessen blieb noch mehr als genug. Die knusprigen Perlpilze gaben zusammen mit den Champignons und Sprödblättlern eine herrliche Vorspeise ab, der perfekten Snack zu frisch gezapftem Bier. Es fiel schwer, nicht schon hier ins Fresskoma zu fallen, doch als die Pfanne mit den duftenden Steinpilzen und Rotkappen auf den Tisch kam, öffnete sich noch eine Ecke im Magen. Das einfache Leben! - Wer möchte da noch in ein Drei-Sterne-Restaurant?

So long
So long

Vlado machte sich bald auf den Weg nach Hause zu Frau und Kindern und mich befiehl eine gewisse Wehmut, bei dem Gedanken, am nächsten Tag auch den Heimweg anzutreten.

I WILL BE BACK! Und das schon sehr bald. Im August 2026 werden Vlado und ich gemeinsam eine kulinarische, pilz-, pflanzen- und vogelkundliche Reise leiten. Seien Sie dabei!